Berührendes von der Einsamkeit

„Touch“ ist Titel und Programm zugleich: Die Schauspieler des Jungen Ensembles Marabu haben sich unter der künstlerischen Leitung von Tina Jücker und Claus Overkamp mit dem Thema Berührung und Abstand befasst – für eine Aufführung, die mit Intelligenz, Witz und Tempo unter die Haut geht.

Alle sind coronakonform durch bewegliche Glaswände getrennt. Jeder hat sein Refugium mit Laptop und sonstigem elektronischen Handwerkszeug. Die Pandemie hat körperliche Nähe massiv reduziert, ist aber gewiss nicht der einzige Grund für die soziale und emotionale Vereinsamung.

Ein Paradebeispiel ist der Gamer (herrlich komisch: Kai Gerschlauer), der sich lässig am Bildschirm hockend aus Chipstüten ernährt und in künstlichen Welten mit fernen Partnern gegen virtuelle Mächte kämpft. Oder mit VR-Brille ins Universum fliegt und sich ganz real an einem Heizkörper an der Bühnenwand ein paar Schrammen einfängt. Nebenan macht sich lautstark ein Baby bemerkbar. Es ist eine Puppe und gehört zu der Wissenschaftlerin (Agnes Nagy), die die Relevanz von Hautkontakten für die frühkindliche Entwicklung erforscht und Selbst­umarmungen als Mittel zur Selbstakzeptanz empfiehlt.

Mit dem Lebensende beschäftigt sich die Bestatterin (Sonja Nellinger), die für ihre Trauerreden berührende Worte sucht. Dagegen fühlt sich die kettenrauchende DJ (Heike Kubotsch) erst wirklich lebendig durch ihre Musik, die durch den ganzen Körper geht. Extrem hautnah ist die Arbeit des Tätowierers (Alex Preis), der über den Schmerz reflektiert und über die tiefere Bedeutung seiner Tattoos. Ganz zarte Annäherungen durch die transparenten Wände hindurch und ein gemeinschaftliches Finale gibt es auch.

Mit schnellen Schnitten wechselt die Perspektive auf die fünf einsamen kleinen Egos (fein charakterisiert durch die Kostüme von Regina Rösing), deren einzelne Szenen sich in 60 spannenden Minuten dramaturgisch elegant zusammenfügen zu einem Einblick in Befindlichkeiten, die weit über die direkte Erfahrung der Berührungsverbote hinausgehen. Erfrischend unsentimental, aber in jeder Hinsicht berührend. Die bei der Uraufführung am Samstag zu Recht umjubelte Vorstellung wird empfohlen für Publikum ab 14 Jahren. Nächste Spieltermine am 22. und 23. September jeweils um 19 und um 21 Uhr. Bonner Generalanzeiger, Feuilleton, vom 25.08.2021